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Weltenbruch
Worldrupture
Eine Welt in den Wolken. Eine Krone aus Lügen. Und ein Himmel, der kurz vor dem Zerbersten steht.
A world in the clouds. A crown of lies. And a sky on the verge of breaking.
Note: This reading sample is currently only available in German.
Kapitel 1: Elara – Das goldene Käfigleben
Chapter 1: Elara – The Golden Cage Life
Der Wind über den Himmelsreichen war kein bloßes Wetterphänomen; er war der Atemzug der Welt, eine unbarmherzige, ewige Kraft, die an den Fundamenten von Stein und Zivilisation zerrte. Doch im Inneren des Palastes von Aerias spürte man nichts von seiner wilden Freiheit. Hier, auf der höchsten, den Göttern am nächsten gelegenen Insel des Reiches, herrschte eine künstliche, fast sakrale Stille.
Der Palast war ein Meisterwerk aus weißem Obsidian, poliertem Granit und gewaltigen Bögen aus geschliffenem Glas, das das Licht der Sonne in tausend scharfe Fragmente brach. Elara stand an einem der meterhohen Fenster des Thronsaals und presste die Stirn gegen das kühle Glas. Unter ihr erstreckte sich das endlose Wolkenmeer – ein unruhiger Ozean aus Weiß, Grau und flüchtigem Gold, der die gähnende Leere zwischen den schwebenden Inseln ausfüllte. In der Ferne schälten sich die Umrisse anderer Eilande aus dem Dunst: fruchtbare, von dichten Wäldern überwucherte Agrarinseln, deren grüne Terrassen wie Smaragde im Himmel hingen, und karge, sturmgepeitschte Felsen, die nur von den mutigsten Bergleuten bewohnt wurden.
Es war eine Welt ohne festen Boden, gehalten nur von alten Strömungen und den Schwingen der Kreaturen, die sie bevölkerten. Und doch fühlte sich Elara hier oben, auf dem Gipfel der Macht, tiefer vergraben als in jedem Kerker.
Die kühlen Marmorwände des Thronsaals trugen das Echo jedes noch so leisen Schrittes weiter. Es war ein Palast, der dafür gebaut worden war, Geheimnisse unmöglich zu machen. Jeder Atemzug, jedes Flüstern wurde von den harten Oberflächen gefangen und den Herrschenden zugetragen. Durch die riesigen Fenster fielen lange, geometrische Lichtstrahlen, die sich auf dem spiegelgelatten Boden brachen. Es wirkte fast so, als versuche das Sonnenlicht verzweifelt, den düsteren, unnachgiebigen Charakter dieses Raumes zu vertreiben, doch der kalte Stein schluckte die Wärme, noch bevor sie den Geist der Menschen erreichen konnte.
Die Luft roch schwer und vertraut: nach dem edlen, öligen Duft von Zedernholz, altem, jahrhundertealtem Pergament und dem schwachen, bitteren Hauch von Räucherwerk, das in den großen Bronzebecken an den Flanken der Empfangshalle brannte.
Im Zentrum dieses gewaltigen Raumes stand der Thron. Er war nicht aus Gold geschmiedet, sondern aus dem schwarzen Herzstein der Insel selbst gehauen, kantig, schmucklos und von einer furchteinflößenden Beständigkeit. Über ihm hingen monumentale Kronleuchter aus geschliffenem Kristall, deren Prismen leise klirrten, wenn ein seltener Luftzug die schweren Flügeltüren passierte.
Dort, im Schatten des Throns, stand ihr Vater. Fürst Aerias.
Er war ein Mann, dessen Statur allein schon den Raum zu verkleinern schien. Seine Haltung war von einer unbeugsamen, fast schmerzhaften Geradlinigkeit, geformt von Jahrzehnten militärischer Disziplin und der Last einer Krone, die keine Schwäche duldete. Seine Augen, von demselben kalten, sturmgrauen Farbton wie die Wolken vor dem Fenster, blickten nicht auf seine Tochter, sondern hinaus in die Leere, als suche er dort nach neuen Territorien oder alten Feinden. Er war ein Herrscher, der keinen Widerspruch duldete, weil Widerspruch in einer Welt, die über dem Abgrund schwebte, den Absturz bedeutete. Schon seit ihrer frühesten Kindheit hatte Elara gelernt, dass ihre Stimme in diesen Hallen nur dann ein Gewicht besaß, wenn sie die Worte sprach, die ihr Vater von ihr erwartete.
„Du wirst eines Tages über unser Volk wachen, Elara“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, getragen von einer absoluten Gewissheit, die keinen Raum für Zweifel ließ. Er wandte sich nicht um, seine Hände blieben hinter dem Rücken verschränkt. „Du wirst die Strömungen lenken müssen. Du wirst lernen müssen, den Schmerz der Einzelnen zu ignorieren, um das Ganze vor dem Fall zu bewahren.“
Elara spürte, wie sich ihre Fingernägel in die Handflächen bohrten. Sie wandte den Blick von den Wolken ab und sah den Mann an, der ihr das Leben geschenkt, aber ihr die Freiheit genommen hatte.
„Vater…“, begann sie, und ihre Stimme zitterte trotz all des jahrelangen Trainings in höfischer Etikette. „Was, wenn ich… ich meine, was, wenn ich etwas anderes will? Was, wenn die Zukunft, die du für mich siehst, nicht der Weg ist, den mein Herz gehen muss?“
Der Fürst bewegte sich langsam. Jeder seiner Schritte auf dem Marmor klang wie der Schlag einer Turmuhr, die das Ende einer Gnadenfrist verkündete. Er drehte sich um, und sein Blick traf sie mit der Schärfe einer frisch geschmiedeten Klinge. Es lag keine Wut in seinen Augen – und das war das Schlimmste. Es war die reine, mathematische Kälte eines Mannes, der Gefühle für einen Konstruktionsfehler hielt.
„Es spielt keine Rolle, was du willst, Elara“, sagte er, und die Stille seiner Worte verlieh ihnen nur noch mehr Gewicht. „Deine Pflicht kommt zuerst. Der Adel ist kein Privileg des Glücks, er ist eine Kette, die uns an den Fels bindet. Wir herrschen nicht, weil wir es genießen, sondern weil die Alternative das Chaos ist. Das ist der Preis der Macht. Und du wirst ihn zahlen, wie ich ihn gezahlt habe.“
Ein heißer Schwall von Zorn und Ohnmacht stieg in Elara auf. Sie spürte, wie die Tränen der Frustration in ihren Augen brannten, doch sie weigerte sich, sie vor ihm zu vergießen. Das wäre ein Zugeständnis von Schwäche gewesen, ein Beweis dafür, dass sie noch immer das Kind war, das er in ihr sah.
„Dann ist die Macht nichts weiter als ein kunstvoll verziertes Grab“, stieß sie hervor.
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich auf dem Absatz um. Ihre schweren, seidenen Unterröcke rauschten auf dem glatten Boden, als sie die gewaltigen Flügeltüren aufstieß und den Saal verließ. Ihr Herz pochte wild und unregelmäßig gegen ihre Rippen, wie ein gefangener Vogel gegen die Stäbe seines Käfigs. Sie wollte mehr als das hier. Sie wollte die Welt nicht nur verwalten; sie wollte sie spüren. Sie wollte den Wind auf der Haut spüren, ohne den Filter aus dickem Palastglas. Sie musste einen Weg finden, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen, selbst wenn sie dafür das Fundament dieser ganzen Stadt erschüttern musste.
Mit einem dicken Kloß im Hals und brennenden Augen eilte sie durch die endlosen, von Wachen flankierten Korridore. Die Männer in ihren glänzenden Rüstungen bewegten sich nicht einmal, als die Prinzessin an ihnen vorbeistürmte; sie waren Teil der Architektur, stumme Zeugen ihrer Gefangenschaft.
Ihr Ziel war die Akademie, der einzige Ort, der ihr zumindest die Illusion von geistiger Weite bot. Während der Palast auf der absoluten Klippe und der höchsten Erhebung der Insel thronte, lag die Akademie der Himmelsreiche ein gutes Stück weiter unten, eingebettet in üppige, terrassenförmig angelegte Gärten und verbunden durch elegante, freischwebende steinerne Bögen. Um dorthin zu gelangen, musste sie die privaten Plattformen des Adels verlassen.
Sie bestieg eine der palasteigenen Gondeln – ein filigranes Gefährt aus leichtem Eschenholz und Messing, das von zwei mächtigen, smaragdgrünen Flugdrachen gezogen wurde. Die Bestien schnaubten, und dünne Rauchfäden stiegen aus ihren Nüstern auf, als der Gondoliere die Leinen löste. Mit einem sanften Ruck glitt das Gefährt über die Kante der Plattform hinaus in den offenen Himmel. Für wenige Minuten schwebte Elara im freien Raum, während die Straßen der Oberstadt unter ihr vorbeizogen. Sie sah die prachtvollen Villen des Hochadels mit ihren privaten Drachenställen und den künstlichen Wasserfällen, die kostbares Nass über die Klippen stürzen ließen, nur um es von tiefer gelegenen Becken wieder auffangen zu lassen. Es war eine Demonstration von Reichtum in einer Welt, in der jeder Dropfen Wasser mühsam von den Regenwolken geerntet werden musste.
Doch der Flug war zu kurz, um ihr Trost zu spenden. Die Gondel setzte elegant auf der marmornen Plattform der Akademie an.
Der Unterrichtstag war eine einzige Qual. Professor Aldric, ein Mann, dessen Gesicht dem reliefartigen Profil einer sturmgepeitschten Klippe glich, leitete das militärische Drillprogramm mit einer Unerbittlichkeit, die Elara das Blut in den Adern kochen ließ. Seit Stunden sprachen sie über die Sinnhaftigkeit von Luftblockaden und die strategische Dezimierung gegnerischer Versorgungsflotten.
„Ein künftiger Herrscher darf die Welt nicht durch das Prisma der Moral betrachten, Lady Elara“, hatte Aldric doziert, während er mit einem hölzernen Zeigestab auf eine taktische Karte der Himmelsinseln deutete. „Wenn eine Agrarinsel rebelliert, schneidet man ihre Handelsrouten ab. Man hungert sie aus. Das ist sauberer und effizienter als eine Invasion.“
„Effizienter?“, hatte Elara gerufen und war aufgestanden, ungeachtet der schockierten Blicke ihrer Mitschüler. „Ihr sprecht von Bauern, von Familien! Ihr sprecht davon, Menschen das Brot aus dem Mund zu stehlen, um eine Ordnung aufrechtzuerhalten, die sie ohnehin nur ausbeutet!“
Ein hitziger Streit war entbrannt. Ein Mitschüler aus dem Hause Vaelen, ein arroganter Junge mit perfekt pomadisiertem Haar und einem spöttischen Lächeln, war Aldric beigesprungen. „Die Prinzessin vergisst, dass der Pöbel ohne unsere Führung nicht einmal wüsste, wie man eine Regenrinne baut. Strenge ist die einzige Sprache, die sie verstehen.“
Elara hatte die Diskussion schließlich abgebrochen, weil sie merkte, dass sie gegen Mauern aus Vorurteilen anrannte. Völlig aufgewühlt und mit rasenden Gedanken hatte sie sich nach dem Unterricht in den Westflügel der Akademie zurückgezogen. Sie saß am Fenster ihres Zimmers und starrte hinab in den großen Innenhof. Die Fragen quälten sie: Warum wurde von ihr verlangt, eine Herrscherin zu werden, wenn das bedeutete, jegliche Menschlichkeit abzulegen? Wenn ihr Herz doch nach etwas so völlig anderem rief?
Noch während sie sich in ihren düsteren Gedanken verlor, fiel ihr Blick auf eine Szene am anderen Ende des Hofes. Zwischen den kunstvoll geschnittenen Hecken und den plätschernden Brunnen hatte sich eine Gruppe adliger Schüler zusammengefunden. Sie bildeten einen engen, bedrohlichen Kreis um eine einzelne Gestalt.
Es war ein Junge. Er trug die einfache, dunkle Tunika der Stipendiaten – ein Stoff, der im krassen Gegensatz zu den seidenen, goldbestickten Gewändern der anderen stand. Sein Haar war dunkel, unordentlich und fiel ihm in die Stirn, und sein Gesicht war schmal, geprägt von einer chronischen Blässe. Sein Name war Cassiel.
Cassiel war ein Mysterium an der Akademie, ein Fremdkörper im feinen Getriebe des Adels. Niemand wusste genau, wie er es geschafft hatte, einen der streng limitierten Plätze hier zu erhalten. Gerüchte besagten, er stamme aus den tiefsten Schichten der Unterstadt, ein Kind von namenlosen Handwerkern, doch seine akademischen Leistungen waren so brillant, dass die Leitung ihn nicht hatte ablehnen können. Der Adel verzieh ihm diese Arroganz des Talents nicht. Während die Söhne der Ratsmitglieder ihn nun mit höhnischen Bemerkungen über seine Herkunft überschütteten und einer von ihnen ihm im Vorbeigehen die Bücher aus der Hand schlug, blieb Cassiel vollkommen still. Er bückte sich nicht, um die Seiten aufzuheben. Er sah nicht auf. Sein Blick blieb gesenkt, seine Hände zu Fäusten geballt, eine lebende Statue aus unterdrücktem Groll.
Elara wandte sich mit gerunzelter Stirn ab. Ein unbestimmtes Gefühl von Unbehagen mischte sich in ihren eigenen Zorn. „Warum redet Lyanna eigentlich manchmal mit ihm?“, fragte sie sich leise.
Lyanna war die Einzige an der gesamten Akademie, die Cassiel nicht mit offener Verachtung oder eisiger Ignoranz begegnete. Elara konnte das nicht ganz verstehen. In ihrer Welt war jede Interaktion ein politisches Statement, und sich mit einem Stipendiaten abzugeben, war gesellschaftlicher Selbstmord.
„Du solltest nicht so finster dreinschauen, Elara. Das gibt Falten, und dein Vater wird einen Heiler bezahlen müssen, um sie wegzubügeln.“
Die Stimme kam von der Tür. Lyanna trat ein, ohne auf eine Einladung zu warten, und schloss die Tür leise hinter sich. Sie war eine junge Adelige aus einer der ältesten Familien des Reiches, doch im Gegensatz zu den meisten ihrer Standesgenossinnen besaß sie ein von Grund auf sanftes, einfühlsames Wesen. Ihre langen, dunklen Locken fielen ihr in weichen Kaskaden über die Schultern, und sie strich sich fast reflexartig eine Strähne hinter das linke Ohr, während sie Elara musterte. Ihre grünen Augen wirkten stets wissbegierig, als suchten sie hinter den Fassaden des Hofes nach einer tieferen Wahrheit. Lyanna war klug, unglaublich belesen und besaß Elara gegenüber eine unerschütterliche Loyalität. Sie war die Einzige, die es wagte, der Prinzessin mit absoluter Ehrlichkeit zu begegnen, anstatt sie wie eine zukünftige Herrscherin zu umschmeicheln. Dennoch kannte auch Lyanna die ungeschriebenen Gesetze des Reiches – und Elara wusste, dass es Geheimnisse gab, die sie nicht einmal mit ihrer besten Freundin teilen durfte. Das wilde, verbotene Verlangen nach Ausbruch war eines davon.
Der Adel war das Rückgrat der Gesellschaft von Aerias, doch er war kein homogenes Gebilde. Es gab die alten, traditionsreichen Familien mit ererbten Titeln, deren Stammbäume tiefer in die Geschichte der Himmelsreiche reichten als die Wurzeln des Palastes. Und es gab die neu ernannten Adelsgeschlechter, die sich ihren Status durch militärische Verdienste oder unermesslichen Reichtum im Fernhandel erworben hatten. Nicht jeder Adelige war reich, und nicht jeder Reiche gehörte zum Adel. Es war ein brutales, unsichtbares Netzwerk aus Verpflichtungen, Erwartungen und Allianzen. Wer die Regeln brach, fiel – und der Sturz von einer schwebenden Insel kannte kein Auffangnetz.
„Du siehst unglücklich aus, Elara“, wiederholte Lyanna, trat an den Tisch in der Mitte des Raumes und schob sich erneut eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Hat dein Vater dir wieder gesagt, wie du zu leben hast?“
Elara seufzte schwer und blickte zurück aus dem Fenster, wo die ersten Schatten der Dämmerung das Wolkenmeer in ein tiefes Violett tauchten. „Wie immer. Er versteht nicht, dass ich mehr will als das hier. Mehr als dieses endlose Protokoll des Stillstands.“
„Aber was willst du denn?“, fragte Lyanna leise. Es war keine spöttische Frage. Es war die Frage einer Freundin, die aufrichtig besorgt war.
„Ich will Freiheit, Lyanna“, flüsterte Elara, und das Wort fühlte sich auf ihrer Zunge fast wie ein Verrat an. „Ich will nicht nur auf den Karten zuschauen, wo die Luftschiffe hinfliegen. Ich will selbst fliegen. Ich will erleben, was hinter dem Horizont liegt. Ich will…“ Sie hielt inne, weil sie merkte, wie gefährlich nah sie daran war, zu viel preiszugeben.
Lyanna lachte leise, ein melodischer, leicht trauriger Klang. „Ach, Elara. Du und deine wilden Träume. Die Welt da draußen ist nicht so romantisch, wie die alten Bücher in der Bibliothek es behaupten. Sie ist kalt, stürmisch und voller Gefahren.“
Doch für Elara war es kein Traum. Es war ein inneres Brennen, eine Bestimmung, von der sie wusste, dass sie sie eines Tages erfüllen musste, wenn sie nicht innerlich verkümmern wollte.
„Elara, du denkst doch nicht ernsthaft darüber nach, oder?“ Lyanna trat näher und legte ihre Hände flach auf den Tisch, der zwischen ihnen stand. Ihr Blick wurde ernst, fast flehend. „Ich meine… deinem Vater tatsächlich zu widersprechen? Dem Fürsten?“
Elara schnaubte verächtlich. „Ich weiß nicht, ob es Widerspruch ist, Lyanna. Vielleicht ist es einfach nur… mein eigener Weg. Ich kann doch nicht den Rest meines Lebens in diesen sterilen Hallen verbringen! Ich will nicht meine Jugend damit verbringen, über Kriegsstrategien nachzudenken, Steuerabgaben für die Agrarinseln zu berechnen und endlose Sitzungen mit alten Männern abzuhalten, die Angst vor jeder Veränderung haben!“
Lyanna zögerte. Sie senkte den Blick und strich über das glatte Holz des Tisches. „Es gibt Schlimmeres, Elara. Schlimmeres als ein Leben in absolutem Wohlstand und Sicherheit. Weißt du… ich weiß nicht mal, ob ich wirklich eine Zukunft hier im Palast haben will. All diese Intrigen, das ständige Aufpassen, was man sagt… Aber meine Familie erwartet es von mir. Sie haben alles darauf gesetzt, dass ich eine Position im Rat bekomme. Und deine Familie erwartet es erst recht von dir.“
Elara seufzte und spürte, wie die Wut in eine tiefe, schwere Melancholie überging. „Vielleicht erwartet jeder von uns etwas anderes, als wir in Wahrheit sind…“ Sie schwieg einen Moment, dann sah sie Lyanna forschend an. Die Szene aus dem Innenhof schoss ihr wieder in den Kopf. „Aber sag mal, Lyanna… warum sprichst du eigentlich mit Cassiel?“
Lyanna hob überrascht eine Augenbraue. „Warum sollte ich nicht mit ihm sprechen?“
„Er gehört nicht hierher“, sagte Elara, und sie hasste sich selbst ein wenig dafür, wie sehr sie in diesem Moment wie ihr Vater klang. „Niemand weiß, wie er es an die Akademie geschafft hat. Er hat keinen Namen, keinen Titel, kein Vermögen. Alle anderen meiden ihn aus gutem Grund. Er ist ein Unruhestifter, allein durch seine Existenz.“
Lyanna schüttelte langsam den Kopf, und in ihren grünen Augen lag eine tiefe Enttäuschung, die Elara mehr traf als jeder Vorwurf ihres Vaters. „Und das ist genau der Grund, warum ich mit ihm rede, Elara. Nur weil er nicht aus dem Adel stammt, bedeutet das nicht, dass er es weniger verdient hat, hier zu sein. Vielleicht hat er sogar mehr Recht darauf als all die verwöhnten Söhne der Ratsherren, die sich ihre Noten mit dem Gold ihrer Väter kaufen. Cassiel musste für jeden Zentimeter kämpfen, den er hier geht. Er hat mehr zu erzählen, als du denkst. Wenn du dir nur einmal die Mühe machen würdest, hinter seine Fassade zu blicken.“
Elara schwieg. Sie wusste, dass Lyanna eine Gabe dafür hatte, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben. Aber irgendetwas an diesem Jungen, an seiner unheimlichen Stille und dem dunklen Feuer, das manchmal in seinen Augen blitzte, machte sie misstrauisch – und zu ihrem eigenen Ärger auch zutiefst neugierig.
Gerade als sie Lyanna weiter ausfragen wollte, wurde die vertraute Intimität des Raumes jäh unterbrochen. Ein lautes, rhythmisches Klopfen ertönte an der schweren Eichentür.
Bevor Elara antworten konnte, öffnete sie sich. Ein Bediensteter des Palastes trat ein. Er trug die purpurrote Livree des Hauses Aerias und hielt den Rücken so tief gebeugt, dass sein Blick starr auf den Boden gerichtet war. „Verzeiht die Störung, Lady Elara“, sagte er mit einer monotonen, geschulten Stimme. „Aber ich wurde direkt vom Fürsten geschickt. Ich soll Eure Freundin, Lady Lyanna, nach draußen begleiten. Der Fürst hat eine dringende, außerordentliche Audienz des Hohen Rates einberufen. Die Anwesenheit der Familie Vaelen wird verlangt.“
Elara runzelte die Stirn. Ein unangenehmes Gefühl der Vorahnung machte sich in ihrer Magengegend breit. Eine außerordentliche Sitzung zu dieser Stunde? Das war ungewöhnlich. „Wenn der Rat tagt, betrifft das auch meine Zukunft“, sagte Elara und trat einen Schritt vor. „Ich werde Lyanna begleiten.“
Der Bediensteter senkte den Kopf noch ein Stück tiefer, sodass seine Nase fast seine Brust berührte. „Verzeiht, Mylady. Aber die Anweisungen des Fürsten waren absolut eindeutig. Es handelt sich um dringende, streng geheime Angelegenheiten des Reiches. Ihr sollt in Eurem Turm bleiben. Zu Eurer eigenen Sicherheit.“
Sicherheit. Das Lieblingswort ihres Vaters, wenn er meinte: Gehorsam.
Lyanna warf Elara einen kurzen, besorgten Blick zu, strich sich die Haare zurück und nickte dem Bediensteten zu. „Ich komme“, sagte sie leise.
Als die Tür hinter den beiden ins Schloss fiel, blieb Elara in der Mitte des Raumes stehen. Das Blut hämmerte in ihren Schläfen. Im Turm bleiben. Das bedeutet in diesem Fall: Sie sollte in ihrem Quartier hier unten in der Akademie festsetzen, während oben im Palast über die Zukunft des Reiches – und damit auch über ihre eigene – entschieden wurde. Sie sollte ein braves Kind sein, das wartete, bis man ihr die fertigen Beschlüsse präsentierte.
Sie spürte, wie der Trotz in ihr die Oberhand gewann. Sie hatte nicht vor, sich an diese Anweisung zu halten. Nicht heute.
Doch wie sollte sie nach oben zum Palast gelangen? Wenn sie jetzt die offizielle Drachengondel rief, würde der Gondoliere sofort ihrem Vater melden, dass die Prinzessin sich seinen Befehlen widersetzte. Die Palastwachen am Hauptanleger würden sie abfangen, noch bevor sie einen Fuß auf die oberen Terrassen setzen konnte. Sie brauchte einen anderen Weg. Einen Weg, den niemand bewachte, weil kein Mitglied des Hochadels ihn jemals freiwillig beschreiten würde.
Elara wartete quälend lange Minuten, bis das Echo der Schritte im Korridor der Akademie vollkommen verhallt war. Dann schlüpfte sie durch den Spalt ihrer Zimmertür. Sie trug keine schweren Schuhe, nur weiche Lederslipper, die ihre Schritte auf dem Stein lautlos machten.
Anstatt den Weg nach draußen zu den Gärten zu nehmen, wandte sie sich nach links, tiefer in die Eingeweide der Akademie. Sie passierte die verlassenen Lehrsäle und die staubigen Archive, bis sie eine unscheinbare, schwere Holztür erreichte, die mit einem großen Eisenriegel gesichert war. Dahinter lag der Klippenschlund – ein internes System aus steilen, in den nackten Fels gehauenen Treppen und mechanischen Lastenaufzügen. Hierüber transportierte die Dienerschaft täglich Lebensmittel, Holz und schwere Pergamentrollen von den Palastküchen hinab zur Akademie.
Elara zog den schweren Riegel zurück; das Metall war kalt und roch nach Rost. Als sie die Tür öffnete, schlug ihr ein feuchter, kühler Luftzug entgegen, der nach tiefem Fels und dem fernen, salzigen Atem des Himmels roch. Die Treppe vor ihr war steil, uneben und wurde nur von wenigen, schwach glimmenden Mooskristallen an den Wänden erleuchtet.
Ohne zu zögern begann sie den Aufstieg. Stufe um Stufe kämpfte sie sich in der Dunkelheit nach oben. Ihre Waden brannten schon nach kurzer Zeit, und ihr Atem ging flach im engen Gang, doch der Zorn trieb sie voran. Sie passierte die hölzernen Plattformen der Lastenaufzüge, deren dicke Seile wie schlafende Schlangen im Schacht hingen. Niemand war um diese Stunde hier unten; die Diener bereiteten bereits das Abendessen in den oberen Hallen vor.
Nach einem gefühlten Jahrhundert intensiver Anstrengung erreichte sie eine schmale Eisentür am oberen Ende des Schachts. Vorsichtig drückte sie dagegen. Die Tür gab nach und öffnete sich mit einem leisen Knarzen.
Elara schlüpfte hindurch und fand sich in den hinteren Korridoren des Palastes von Aerias wieder – genauer gesagt in den Vorratsräumen hinter den großen Küchen. Der süßliche Geruch von Räucherwerk und gebratenem Fleisch verriet ihr sofort, dass sie es geschafft hatte. Sie war im Palast, unbemerkt und ohne dass eine einzige Wache sie registriert hatte.
Von hier aus war es ein Leichtes, das Netz aus vertrauten Dienstbotenkorridoren und schmalen Wandspalten zu nutzen, das sich wie ein unsichtbares Nervensystem durch die Festung ihres Vaters zog. Sie mied die prunkvollen Hauptgänge und steuerte gezielt den großen Thronsaal an.
Ihr Ziel war nicht das Haupttor, sondern die obere Musikergalerie. Es war ein schmaler Balkon im ersten Stockwerk des Saales, der bei großen Festen von den Harfenspielern genutzt wurde. Von dort oben, verborgen im Schatten der mächtigen Deckenkonstruktion, hatte man einen perfekten Blick auf den Thron – und auf die Gespräche, die darunter geführt wurden.
Als sie die Galerie erreichte, presste sie sich flach gegen eine der massiven, mit Stuck verzierten Marmorsäulen. Der Saal unter ihr war nur spärlich beleuchtet. Nur wenige Fackeln brannten in den Halterungen, und das kalte Mondlicht fiel in langen, gespenstischen Bahnen durch die Glasdecke. Am Tisch des Rates saßen ein Dutzend Männer, ihre Gesichter im Halbdunkel kaum zu erkennen. Ihr Vater saß am Kopfende, seine Silhouette wirkte starr wie aus Eisen gegossen.
Elara hielt den Atem an und presste das Ohr dichter an den kalten Stein der Säule. Sie versuchte, jedes Wort aufzuschnappen, doch die Akustik des Saales war tückisch; die Stimmen waren gedämpft, vermischten sich mit dem fernen Summen des Windes an den Außenmauern. Sie konnte nur Fetzen einer hitzigen Diskussion hören.
„…die Versorgungsflotten der Westinseln… unregelmäßig…“, drang die Stimme eines älteren Ratsherrn zu ihr herauf.
„…die Bestimmungen müssen verschärft werden! Der Pöbel vergisst, wer die Schwingen kontrolliert!“, erwiderte ein anderer mit harter, ungeduldiger Stimme.
Dann sprach ihr Vater. Seine Stimme war leiser als die der anderen, doch sie schnitt durch den Raum wie ein Messer durch Butter. Die anderen Ratsmitglieder verstummten sofort. Elara strengte sich an, verstand jedoch nur Bruchstücke. Es ging um eine Bedrohung. Um etwas, das ihr Vater mit einer eisigen Handbewegung abtat, als wolle er die Existenz des Problems leugnen.
Ging es um eine Verschwörung gegen die Krone?, dachte Elara, und ihr Herz schlug schneller. Oder ging es um etwas ganz anderes? Um die Drachen? Sie musste es wissen. Sie musste sich weiter vor lehnen, um den Mund des Sprechenden zu sehen.
Sie verlagerte ihr Gewicht nach vorne, löste sich von der schützenden Säule und beugte sich über die steinerne Balustrade der Galerie.
In genau diesem Moment spürte sie einen plötzlichen, eiskalten Luftzug im Nacken. Noch bevor sie sich umdrehen konnte, legte sich eine schwere, unerbittliche Hand auf ihre Schulter.
„Ihr solltet nicht hier sein, Lady Elara.“
Die Stimme war leise, aber sie traf sie wie ein Donnerschlag. Es war der Bedienstete von vorhin. Er war ihr gefolgt, lautlos wie ein Schatten des Palastes selbst. Seine Augen waren ausdruckslos, doch der Griff auf ihrer Schulter war fest.
Elara erschrak zutiefst. Ein heftiger Impuls, sich loszureißen, überkam sie. Sie wollte leise protestieren, ihm befehlen, seine Hand wegzunehmen, doch bei der hastigen Bewegung verlor sie den Halt. Ihre weichen Lederschuhe fanden auf dem glatten, staubigen Boden der Musikgalerie keinen Widerstand. Sie rutschte aus.
Mit einem unterdrückten, aber im stillen Palast laut hallenden Schrei verlor sie das Gleichgewicht und fiel unsanft auf die Knie. Das Geräusch ihres Körpers, der auf den Stein aufschlug, und das dumpfe Poltern gegen die Balustrade brachen das Schweigen des Schlosses.
Unten im Thronsaal verstummte jedes Wort mitten im Satz.
Die Audienz wurde abrupt unterbrochen. Die eisige Stille...